Die (Wieder-)Entdeckung der Langsamkeit beim Lesen

Lange ist es her, dass ich für die Lektüre eines einzigen dünnen oder mitteldicken Buches – ja, sogar für einen 1000 Seiten starken Schinken – ein oder zwei Wochen gebraucht habe. Ich fing gerade mit dem Lesen an. In der Grundschule war es, als meine Augen noch unermüdlich und gründlich Wort für Wort erfassten, meine Lippen unhörbar die Worte formten oder ich die Worte in meinem Kopf „hörte“.

Dann entdeckte ich, wie viel schneller ein Buch gelesen war, wenn ich aufhörte, mir die Bücher selbst vorlesen zu wollen. Und danach begann ich durch die Seiten zu fliegen, immer auf der Suche nach neuen Abenteuern, neuen Schätzen und zauberhaften fremden Welten.

Irgendwann war ich dann so schnell beim Lesen geworden, dass ich auf Deutsch 100 Seiten pro Stunde gut schaffte. Vergessen waren die Zeiten, in denen ich mich wochenlang nur mit einem einzigen Buch beschäftigte. Wenn ich an einem Buch länger als zwei oder drei Tage lese, ist das gefühlt für mich eine kleine Ewigkeit.

Die (Wieder-)Entdeckung der Langsamkeit beim Lesen

Maske aus brenndem, rotem GoldUnd dann kam der Juni 2016 und mit ihm die Leserunde zu „Rotes Gold – Die Schwertfeuer-Saga 1“ von und mit Robert Corvus und mit ihr die Rückkehr eines ganz anderen Leseempfindens.

In der Leserunde auf leserunden.de durften wir nur einen Abschnitt pro Tag lesen, bei 10 Abschnitten ergab das etwa 50 Seiten pro Tag und das über knapp 2 Wochen. Eine echte Herausforderung für eine Schnell-Leserin wie mich!

Die ersten beiden Tage ist mir das noch verdammt schwer gefallen. Ich musste mich bremsen, damit ich nach dem Lesen des jeweiligen Abschnitts aufhörte und nicht still und heimlich schon mal etwas im Voraus las – schließlich sollten wir ja gemeinsam über das Gelesene diskutieren, uns austauschen und Fragen stellen können. Vorwissen zu haben, das die anderen Teilnehmer nicht haben, schien mir unfair zu sein, also hielt ich mich brav an die Regeln.

Nach ein paar Tagen stellte ich jedoch fest, dass sich meine Lesegewohnheiten änderten. Ich wurde langsamer beim Lesen, versuchte, den Leseabschnitt möglichst lange zu genießen – und ich begann anders über den Roman zu reflektieren. Jedes Mal, wenn ich das Buch für den Tag zuschlug, beschäftigte mich das Buch weiter: die Figuren, ihre Entwicklungen, die Welt, das Leben der Söldner und die existentiellen Fragestellungen, die Robert Corvus unterhaltsam in seinem Roman verpackt hat.

Mir fielen plötzlich Dinge auf, über die ich mir sonst erst nach dem Lesen intensiv Gedanken gemacht hätte. Ich setzte mich mit dem Roman anders auseinander als sonst, länger und intensiver.

Die Kehrseite der Medaille war jedoch, dass mir durch das langsame Lesen manchmal Details, die mir präsent gewesen wären, hätte ich die Szene am selben Tag oder am Vortag gelesen, an später relevanter Stelle nicht mehr so präsent waren. Statt dem großen Ganzen, wie ich sonst die Bücher konsumiere, standen die einzelnen Abschnitte für mich mehr im Vordergrund, wie kleine Mini-Romane.

Für einen Roman wie „Rotes Gold“, der viel Stoff zum Nachdenken bietet und auch manchmal heftige und schwer verdauliche Szenen, zu denen man erst einmal wieder Abstand gewinnen muss, war das langsame Lesen dennoch genau die richtige Lesart. Genauso wie das sicher auch bei vielen weiteren Romanen, die „gehaltvoller“ sind, der Fall ist. Mir hat die andere Art zu lesen daher gut gefallen und ich werde in Zukunft sicher wieder häufiger die Langsamkeit beim Lesen wiederentdecken. 🙂

Wie ergeht es euch beim Lesen? Habt ihr auch schon mal Unterschiede festgestellt, wenn ihr mal langsam und mal schnell lest? Welch ein Lesetyp seid ihr?

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