Christoph Marzi „Lycidas – Die Uralte Metropole 1“

Inhaltsangabe:

Buchcover mit schwarzhaarigem Mädchen vor einer StadtDas 12-jährige Waisenmädchen Emily Laing aus London träumt davon, irgendwann adoptiert zu werden und dem schrecklichen Kinderheim von Reverend Charles Dombey zu entfliehen. Doch als eines Nachts die 2-jährige Mara von einer Kreatur aus ihrem Bettchen entführt wird, verlässt im Tumult auch Emily das Waisenhaus und wird von einer sprechenden Ratte namens Lord Brewster zum mürrischen Alchemisten Mortimer Wittgenstein gebracht.

Dieser klärt Emily auf, dass London weit mehr als nur sprechende Ratten und Werwölfe bietet. Denn unter ihren Füßen befindet sich die uralte Metropole und die Stadt der Schornsteine ist bevölkert von Göttern, Engeln, Monstern und den seltsamsten Kreaturen. Und manch eine U-Bahn-Station führt hinab in die Stadt unter der Stadt – oder in die Hölle.

Schon bald lernt Emily die Stadt unter der Stadt näher kennen, als ihr lieb ist, und spielt eine entscheidende Rolle im Krieg um die Macht über die uralte Metropole …

Meine Meinung zu „Lycidas“:

Was war vorher da: Marzis Roman „Lycidas“ oder das Genre des Urban Fantasy-Romans? Ich weiß es nicht, aber für mich verkörpert Christoph Marzis Fantasyreihe das Subgenre perfekt und hat meine Begeisterung für Urban Fantasy-Romane geweckt.

Worum geht es im Roman?

Im Roman dreht sich alles um die Stadt London, die Stadt der Schornsteine, wie Emilys Mentor Wittgenstein sie gerne nennt. London ist aber nicht nur die Stadt, wie wir Normalsterblichen sie kennen, sondern sie hat eine Geschichte und einen Untergrund, die auch heute noch ihren Einfluss haben.

Schon rasch beginnen die Grenzen zwischen wirklicher Welt und ihrer magischen Seite zu verschwimmen. Wir lernen Alchemisten kennen, begegnen Gestaltwandlern, Monstern, gefallenen Engeln wie Lucifer, ja, sogar Göttern und gleichzeitig beginnen sich Märchen, Sagen und Mythen vor unseren Augen zu entfalten und sind mit den Ereignissen in der uralten Metropole und der Vergangenheit ihrer Hauptfiguren verbunden.

Schon bald ist klar, die Geschichte hätte an keinem anderen Ort als London spielen können. London selbst ist nicht nur der Schauplatz der Handlung, sondern spielt selbst eine entscheidende Rolle, während ein junges Waisenmädchen herausfinden muss, wer sie wirklich ist, wer ihre Feinde und wer ihre Verbündeten sind, und dabei mit ihren Freunden nicht nur die uralte Metropole, sondern ganz London retten muss.

Die Hauptfiguren:

Fangen wir hier mal nicht mit Emily, sondern mit Mortimer Wittgenstein an. Der Mann unbestimmten Alters ist nämlich der Ich-Erzähler des Romans und spielt bei Emilys Entwicklung eine entscheidende Rolle. Dabei ist er eigentlich nicht kinderlieb, aber als er von der Ratte Lord Brewster um Hilfe gebeten wird, wird er zu Emilys Mentor.

Er ist ein Alchemist und besitzt ein sehr großes Wissen, nicht nur über die uralte Metropole. Als Wechselbalg (halb Mensch-halb Elf) besitzt er zudem auch noch magische Kräfte. Er ist ein sogenannter Trickster, der Gegenstände mithilfe seiner Gedanken bewegen kann. Was Wittgenstein für mich jedoch auszeichnet, ist sein trockener Humor und seine Ehrlichkeit. Als Ziehsohn von einer sprechenden Ratte in einem anderen Jahrhundert großgezogen, sind seine Redewendungen manchmal etwas angestaubt, doch seine liebste Wendung ist: „Fragen Sie nicht!“

Emily Laing hingegen liebt es, Fragen zu stellen. Das 12-jährige Waisenmädchen ist neugierig und zugleich etwas misstrauisch. Zunächst vertraut sie nur ihrer besten Freundin Aurora, doch auch Wittgenstein und die kleine Mara wachsen ihr schnell ans Herz. Auch Emily ist eine Trickster, mit der Gabe, in die Köpfe anderer Menschen zu schauen. Sie hat jedoch aufgrund ihres Glasauges anfänglich wenig Selbstbewusstsein.

Die 11-jährige Aurora Fitzrovia ist Emilys beste Freundin, „das Schokoladenmädchen“. Sie wird Schülerin von Wittgensteins Freund Maurice Micklewhite, einem Elfen und Bibliothekar in der Nationalbibliothek.

Mara ist ein 2-jähriges Entführungsopfer aus demselben Waisenhaus wie Emily und Aurora. Sie umgibt ein Geheimnis, hinter dem nicht nur der geheimnisvolle Lycidas und die furchterregende Madame Snowhitepink her sind.

Wer die zwei sind, verrate ich hier aber nicht. Nur eins: In „Lycidas“ sind die Figuren nicht immer so, wie sie auf den ersten Blick erscheinen, und hinter jeder Person lauern eine Geschichte und weitere Geheimnisse, sodass die Grenzen zwischen Gut und Böse schnell verschwimmen.

Gehört das Buch zu einer Reihe?

Ja. Es handelt sich um den 1. Band der Urban Fantasy-Reihe „Die Uralte Metropole“.

Wie liest sich das Buch?

Christoph Marzi erzählt die Geschichte auf seine ganz eigene Weise, die zunächst ein wenig befremdlich erscheinen mag, mir aber überaus gut gefällt. Mortimer Wittgenstein ist eine Figur aus einem anderen Jahrhundert und so erzählt er die Geschichte auch. Er lenkt die Erzählung, er bestimmt, wann er uns Lesern was wie erzählt. Er macht Andeutungen, Vorausdeutungen, schickt uns Leser auf Umwege, die jedoch immer wieder zur Handlung zurückführen und dem Verständnis dienen, und er lässt uns große Abschnitte aus der Sicht von Emily, Aurora und Micklewhite erleben.

Das Buch hat daher seinen ganz eigenen Erzählrhythmus, seinen eigenen Zauber, der mich persönlich rasch in seinen Bann gezogen hat. Beeindruckt hat mich besonders, wie kunstvoll verschiedenste Mythen und Legenden mit der Haupthandlung verwoben waren. Spannend, mystisch und interessant erzählt!

Wer jedoch einen schnell abgehandelten, actionreich zugestopften Roman erwartet, der ist hier fehl am Platz. Für „Lycidas – Die Uralte Metropole 1“ muss man nicht nur wegen seiner über 800 Seiten etwas Zeit mitbringen, sondern auch etwas Muße, um den Zauber entfalten zu lassen.

Was hat mir besonders gut am Roman gefallen?

Ich mag die Figuren. Sie sind urig, haben Eigenheiten und sind etwas Besonderes, das man nicht in jedem Fantasyroman findet. Und ja, mir gefällt es auch, dass die Geschichte sich ein bisschen „alt“ anfühlt, mehr wie eine Legende, die im Begriff ist, zu entstehen und an der wir Leser teilhaben können.

Besonders gut haben wir aber Christoph Marzis Ideen gefallen, seine Liebe zur Literatur, zur Geschichte und zu London, die auf jeder Seite spürbar sind. Es ist, als würde uns der Autor mitnehmen und uns seine persönlichen Highlights der (uralten) Metropole zeigen. Darüber hinaus versteht er es wunderbar, den bekannten Geschichten und Märchen einen neuen Twist zu geben: Luzifer, Lilith, der Rattenfänger von Hameln, etc.

Was hat mir nicht gefallen?

Kennt ihr das? Wenn eine Tatsache sich durch den Roman zieht und ihr ihrer irgendwann überdrüssig werdet? Bei mir war es das Thema Waisenkinder. Gefühlt sind alle Kinder im Buch Waisen, sogar der erwachsene Wittgenstein und sein Freund Micklewhite, der von seiner Familie verstoßen wurde. Ich kam mir vor, wie in einem Roman von Charles Dickens, der im Buch auch namentlich gewürdigt wurde. Ich wünschte mir, dass das ein bisschen weniger gewesen wäre, so kommt es doch übertrieben häufig vor.

Wie hat mir das Buch insgesamt gefallen?

Insgesamt hat mir das Buch super gefallen. Ich finde die Reihe immer noch klasse, auch jetzt beim 3. (oder 4.?) Lesen. „Lycidas“ ist eine toll erzählte Geschichte mit urigen Hauptfiguren und einigen überraschenden Wendungen sowie einer herausragenden Kulisse.

Wem würde ich „Lycidas – Die Uralte Metropole 1“ empfehlen?

Alle Fantasyfans, die London lieben, oder begeisterte Leser von Urban Fantasy-Romanen sind, sollten dieses Buch gelesen haben. Für mich bereits ein Klassiker dieses Subgenres!

Bewertung und weiterführende Empfehlungen:

Aufgeschlagenes Buch mit aufsteigenden Sternen

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Aufgeschlagenes Buch mit aufsteigenden SternenFans der Reihe „Die Uralte Metropole“ dürfen aufatmen, denn nach mehrjähriger Pause ist vor Kurzem jetzt ein neuer Band erschienen. Die Urban Fantasy-Reihe umfasst inzwischen 5 Bände:

  1. „Lycidas“
  2. „Lilith“
  3. „Lumen“
  4. „Somnia“
  5. „London

Christoph Marzis besonderer Erzählstil kommt auch in „Lyra“, „Grimm“ oder „Die wundersame Geschichte der Faye Archer“ zum Tragen. Wenn euch „Lycidas“ gefallen hat, sind die Einzelbände definitiv auch etwas für euch.

Weitere tolle Urban Fantasy-Romane habe ich für euch in meiner Rubrik Urban Fantasy gesammelt. Wer also noch Lesetipps braucht. 🙂

Die Website von Christoph Marzi:

Mehr über den deutschen Fantasyautor erfahrt ihr auf Christoph Marzis Homepage http://www.christoph-marzi.de/.

Das Buch:

Buchcover mit schwarzhaarigem Mädchen vor einer Stadt864 Seiten

Taschenbuch

November 2011

Heyne Verlag 

Preis: 9,99 € (D)

ISBN: 978-3-453-52910-6

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