Julia Lange „Irrlichtfeuer“

Inhaltsangabe:

blau-schwarzes Buchcover mit brennender GestaltIm Stadtstaat Ijssedt herrschen Königin Katriena und ihr Rat über die Menschen und kontrollieren dabei auch den Irrlichthandel, ein Gas, das als Energiequelle dient. Als bei einem Unglück mit Irrlicht vor etwa zwanzig Jahren die sogenannten Irrlichtkinder entstanden, entdeckten die Bewohner von Ijsstedt jedoch, dass der Brennstoff, eingelagert in Metall unter der Haut, diesen Kindern magische Fähigkeiten geben konnte. Seitdem stehen die Irrlichtkinder unter der Kontrolle der Regierung und manche von ihnen werden als sogenannte Schatten von den Menschen gefürchtet. Doch ein weiterer tragischer Unglücksfall mit illegalem Irrlicht bringt die Stimmung in der Stadt zum Kippen.

Die junge Alba aus gehobenem Haus ist todkrank und hat nur einen Wunsch: zu fliegen. Doch dafür muss sie sich ihre eigenen Flügel bauen und benötigt etwas verbotenes Irrlicht. Dabei kreuzt ihr Weg den des Unterweltbosses Karel und seines heimlichen Sohnes Rafael Carrasco, die ihre eigenen Pläne mit dem Irrlicht haben. Besonders Rafael ist von ihm und dem Schatten Sora, der mit ihm ein fieses Spiel getrieben hat, besessen und will um jeden Preis Rache.

Doch auch von anderer Seite droht den Irrlichtkindern der Königin Gefahr, denn in der Bevölkerung gelten sie als Schuldige der neuen Katastrophe, die unzählige Menschen getötet und zahlreiche Familien zerstört hat. Auch Meret hat ihren Mann und ihre Kinder verloren und schließt sich der Gruppe Gerechtigkeit an. Doch schon bald geht es ihnen nicht mehr allein um Gerechtigkeit, es geht um Rache …

Meine Meinung zu „Irrlichtfeuer“:

Als ich entdeckte, dass es eine Leserunde zu diesem Buch auf leserunden.de gibt, musste ich mich einfach drauf bewerben, denn der Debütroman von Julia Lange stand schon länger auf meinem Wunschzettel. Und ich hatte das Glück, dass ich eines der Freiexemplare ergattern konnte.

Worum geht es im Roman?

Das ist dieses Mal eine schwierige Frage, denn in „Irrlichtfeuer“ passiert sehr viel auf verschiedenen Ebenen. Ich würde sagen, das wichtigste Thema ist jedoch der Zerfall der Gesellschaft in Ijssedt. Ein Ereignis – das Irrlichtfeuerkatastrophe – wirkt als Katalysator, um die schwelende Unzufriedenheit der Bevölkerung angesichts der distanzierten Königin und ihres machthungrigen Rats ans Tageslicht zu bringen. Die Verkörperung der Ungerechtigkeit bilden für die einfachen Menschen dabei die Irrlichtkinder, die im Verborgenen als Schatten Menschen töten oder zugrunde richten, die sich nicht an die Gesetze halten und das Irrlichtmonopol der Oberschicht brechen.

Es geht also im Vordergrund um das Irrlicht, Machtunterschiede, die vielen Toten, etc. Doch dabei geht es auch um die Gesellschaft an sich. Die Geschichte ist nur ein Exempel, wie eine Gesellschaft sich selbst zu Grunde richten kann, denn das Irrlicht setzt Ijssedt in Flammen, nicht umsonst heißt der Roman „Irrlichtfeuer“.

Das Irrlicht selbst ist ein gasförmiger Brennstoff, der als Flüssigkeit weiterverarbeitet werden kann und so zum Beispiel für Licht sorgt. Die Irrlichtkinder benötigen jedoch einen steten Nachschub an Irrlicht, um zu überleben, sie sind von ihm und der Obrigkeit abhängig. Je mehr Irrlicht sie im Körper haben, desto mächtiger sind sie und desto besser können sie Irrlicht aufspüren. Daneben hat jedes Kind noch eine andere Irrlicht-Fähigkeit, die bei den Schatten am ausgeprägstesten ist.

Die Hauptfiguren:

Der Roman hat 5 Erzählfiguren: Alba, Karel, Kass, Meret und Rafael, die abwechselnd aus der 3. Person erzählen.

Albertina Veenestra, genannt Alba, ist eine Tochter aus gutem Haus, doch sie ist seit Jahren schwer krank und hat nicht mehr lange zu leben. Da ihr Körper sie langsam im Stich lässt und sie schwer von Medikamenten abhängig ist, arbeitet sie daran, sich ihren Traum vom Fliegen zu erfüllen. Sie tarnt sich als junger Mann und betreibt eine heimliche Werkstatt.

Kass, eigentlich Kasimir, ist ein Irrlichtkind und ein Schatten. Doch er hegt keine Loyalität gegenüber der Königin, bespitzelt den Rat und die eigenen Leute und täuscht vor, weniger Irrlichtmagie zu besitzen, als er in Wirklichkeit hat. Mithilfe seiner Magie kann er sich unsichtbar machen und mit Irrlichtpfeilen, die er abschießt, andere töten.

Karel trägt den Ehrentitel Graf und leitet die Rothen-Bande im Stadtviertel Rothentor. Zusammen mit den anderen Bandenchefs der Stadtviertel bildet er das Parlament und eine separate Regierung, die die Macht des Rats und der Königin in der Stadt untergräbt. Er ist bereits älter, hat Probleme mit der Hüfte und ist ständig von einer Leibwächterin oder seinen Leuten umgeben. Ihm sind seine Leute am wichtigsten.

Meret war eine verheiratete Frau mit zwei Kindern. Durch die neue Irrlichtkatastrophe hat sie alles verloren und fühlt sich von der gleichgültigen Königin und ihrem Rat im Stich gelassen. Zusammen mit anderen fordert sie Gerechtigkeit, die Anerkennung durch die Obrigkeit und Konsequenzen aus der Tragödie. Sie gehört zum friedlichen Teil der Gruppe Gerechtigkeit.

Rafael Carrasco ist Karels heimlicher Sohn und sein Stellvertreter bei den Rothen. Er ist ein Frauenheld und vergisst dann manchmal seine Pflichten. Die Jagd nach Frauen gerät zur Obsession, als er der jungen Mei begegnet, die ihn zurückweist.

Sora gehört zu den Irrlichtkindern und Schatten. Seine Schwester Hisa ist Kass‘ große Liebe, sie ist ein wichtiges Bindeglied ihrer Freundschaft. Wie Kass verfolgt Sora seine eigenen Pläne. Seine Irrlichtmagie ist eher ungewöhnlich und hat mit Eis und Krähen zu tun.

Gehört das Buch zu einer Reihe?

Das weiß ich nicht. Für mich ist „Irrlichtfeuer“ ein Einzelband.

Wie liest sich das Buch?

Ich muss gestehen, ich hatte mit dem Schreibstil so meine Probleme. Julia Lange schreibt stark mit Fokus auf der Handlung. Wir folgen den Erzählfiguren, erleben sie in einzelnen Situationen, in denen viel passiert, doch dabei kommen mir die Beschreibungen und Erklärungen häufig zu kurz. Von den Handlungsorten kann ich mir keinen einzigen richtig gut vorstellen, beim Lokal „Jians Töchter“ wird nicht deutlich, ob es sich um einen asiatischen Teesalon oder um eine Opiumhölle handelt, denn es wird nicht eindeutig benannt.

Ich kam mir beim Lesen häufig so vor, als wäre ich in die 3. Staffel von „Game of Thrones“ geschmissen worden und müsste mich in der Welt und mit den Figuren zurechtfinden, ohne dass auf mich Rücksicht genommen und mir die Hintergründe aus Staffel 1 und 2 erklärt werden.

Keine Frage, spannend erzählen kann Julia Lange, doch für mich hat sie dabei zu häufig nur ihre Autorenbrille auf und denkt zu wenig an den Leser, während sie ihr Konzept vom Roman verfolgt.

Was hat mir besonders gut an „Irrlichtfeuer“ gefallen?

Zunächst einmal möchte ich hier die Karte auf der Umschlaginnenseite hervorheben. Sie kam bei mir häufig zum Einsatz und hat mir enorm geholfen, mich in Ijsstedt zurechtzufinden, auch wenn sie mir gerne etwas detaillierter hätte sein dürfen. Ich hätte auch gerne einzelne Schauplätze auf der Karte markiert gesehen und nicht nur die verschiedenen Stadtviertel.

Auch das Personenregister am Ende des Romans war hilfreich, da einige Nebenfiguren doch im Laufe der zwei Wochen, über die sich die Leserunde zog, in Vergessenheit geraten waren.

Von den Figuren mochte ich Alba und Kass am meisten. Allerdings regten sie mich dann später auch am meisten auf, indem sie mir unverständliche Dinge taten – oder einfach nur abwarteten, während ich zum Beispiel dachte: „Worauf bitteschön wartet Kass? Was plant er die ganze Zeit?“

Die Handlung ist wie gesagt spannend.

Was hat mir nicht gefallen?

Die Irrlichtmagie – seufz. Daraus hätte man so viel mehr machen können. Es kam vor, dass die Irrlichtkinder ihre Magie eingesetzt habe und es ging in der Handlung irgendwie unter. Am Ende übt eine Person dermaßen gewaltige Irrlichtmagie aus – und es wird es Seiten später durch die Perspektive einer anderen Figur deutlich.

Lange habe ich mich gefragt, was überhaupt die Irrlichtmagie ist, die die Menschen fürchten. Denn Irrlicht aufspüren erschien mir wenig spektakulär oder zum Fürchten. Ich hätte mir gewünscht, dass Kass und Sora sie viel häufiger aktiver einsetzen würden. Es gibt zwar auch Kämpfe mit Irrlicht und Irrlichtfeuer, aber dafür dass der Roman diesen Titel trägt, kam mir die Anwendung des Irrlichts zu kurz.

Ich habe es ja schon erwähnt: Der Schreibstil hat mir nicht gefallen. Er war für mich an manchen Stellen schwer lesbar. Ich habe häufig auf Erklärungen gewartet, die nicht oder zu spät und zu wenig kamen. Ein bisschen liegt es bestimmt auch daran, dass es Julia Langes Debütroman ist und ihr noch die Erfahrung fehlt, die eigene Geschichte aus Lesersicht zu sehen.

Die Figuren haben mich manchmal tierisch aufgeregt. Ich kam mir vor, als würde ich ihre eigene Demontage verfolgen – was ein Menschenbild ist, mit dem ich nicht erst seit einem abgebrochenen Balzac-Seminar große Probleme habe. Ich konnte häufig nicht nachvollziehen, wie einige Figuren all ihre Prinzipien opfern – ja, wofür? Die Motivation dahinter stand manchmal nicht in Relation zu den Taten, ihr Verhalten erschien mir sprunghaft oder unlogisch.

Was ich auch merkwürdig fand, ist, dass die Erzählfiguren anscheinend als Beobachter für den Zerfall der Gesellschaft und den langsamen Untergang der Stadt eingesetzt wurden. An strategisch wichtiger Stelle positioniert, taten sie manchmal gar nichts außer abzuwarten, während andere handelten. Ein gutes Beispiel hierfür ist Meret, die als Galionsfigur an die Spitze der Gruppe Gerechtigkeit gehievt wird, jedoch keine Anführerin ist und im entscheidenden Moment schlicht durch Nichtstun versagt.

Mir kam es so vor, als wäre es in der Geschichte weniger um die Figuren selbst, als um das Ende und das Exempel gegangen, das Julia Lange statuieren wollte. Und ich weiß noch nicht, ob mir das Ende gefällt. Darüber muss ich, glaube ich, noch eine Weile nachdenken.

Wie hat mir das Buch insgesamt gefallen?

Gemischt. Julia Langes Debütroman konnte mich nicht durchgängig überzeugen. Er begann stark, wir wurden in die Situation und die Welt geworfen. Doch mit den ausbleibenden Erklärungen wuchs auch mein Frust, der hin und wieder durch kleine Aha-Momente beschwichtigt werden konnte.

Einigen Figuren wie Alba bin ich gerne gefolgt, andere blieben mir zu blass, zu emotionslos und ich konnte mit ihnen wenig anfangen. Doch ihr Verhalten oder ihr Nichtstun habe ich mich dann hin und wieder über die Figuren aufgeregt oder den Kopf geschüttelt. Und auch wenn ich das Ende in Teilen so erwartet habe, empfinde ich es doch auch als etwas unbefriedigend.

Wem würde ich „Irrlichtfeuer“ empfehlen?

Wer actionreiche, schnell erzählte Fantasy mag und wenig Wert auf Beschreibungen legt, der ist bei Julia Langes Debütroman richtig. Vom Thema her würde ich ihn Fans von historischer Fantasy – denn vieles erinnert an Elemente aus unserer eigenen Historie – und Interessenten von gesellschaftspolitischen Fragestellungen empfehlen.

Bewertung und weiterführende Empfehlungen:

Aufgeschlagenes Buch mit aufsteigenden Sternen

Aufgeschlagenes Buch mit aufsteigenden Sternen

Aufgeschlagenes Buch mit aufsteigenden Sternen„Irrlichtfeuer“ ist Julia Langes Debütroman, daher kann ich euch keine weiteren Romane von ihr aufzählen.

Empfehlen möchte ich euch jetzt aber noch einige historische Fantasyromane, die euch ebenfalls gefallen könnten, wenn ihr dieses Buch mögt. Zum einen ist da „Die Magier Seiner Majestät“ von Zen Cho, ebenfalls einer neuen Autorin, die das viktorianische England und seine Stimmung gut eingefangen hat. In ihrem Roman muss der Königliche Magier Zacharias herausfinden, warum Englands Magie schwindet, und bekommt es dabei mit der eigensinnigen jungen Dame Prunella Gentleman zu tun.

Ebenfalls super fand ich die Reihe „Die Feuerreiter Seiner Majestät“, in der ein Marinekapitän unerwartet zum Reiter und besten Freund eines intelligenten Drachen wird. Los geht die ungewöhnliche Freundschaft vor dem Hintergrund der Napoleonischen Kriege in „Drachenbrut“.

Die Website von Julia Lange:

Mehr über die Autorin und ihren Debütroman erfahrt ihr auch auf Julia Langes Homepage: https://www.julialange.de/.

Das Buch:

blau-schwarzes Buchcover mit brennender Gestalt528 Seiten

Taschenbuch

September 2016

Knaur Taschenbuch Verlag

Preis: 9,99 € (D)

ISBN: 978-3-426-51943-1

 

Vielen Dank an den Knaur Verlag für das Rezensionsexmplar!

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