Laura Kneidl „Water & Air“

Inhaltsangabe:

Buchcover zu "Water & Air" mit Meer und großer Blase in der LuftNach dem Anstieg des Meeresspiegels und dem Absenken der Erdplatten ist der Lebensraum an Land knapp geworden. Die Menschen leben stattdessen in Kolonien in der Luft oder im Wasser, während Industrieinseln für den Abbau von Rohstoffen zuständig sind.

Kenzie ist eine Wassergeborene. Als ihre Unangepasstheit dafür sorgt, dass sie kurz vor der Verbannung aus ihrer Heimat, der Wasserkolonie, steht, flüchtet sie sich in die Luftkolonie Quito. Doch obwohl der Reichtum der Luftkolonie diese zunächst wie ein Paradies erscheinen lässt, muss Kenzie bald erkennen, dass hinter der schönen Fassade menschliche Abgründe und dunkle Geheimnisse lauern. Als eine Mordserie beginnt, setzt sie alles daran, diese zusammen mit dem rechtschaffenen Sicherheitsbeauftragten Callum aufzuklären.

Meine Meinung zu „Water & Air“:

Ich hatte das Glück, auf dem Bloggerempfang des Carlsen Verlags auf der Leipziger Buchmesse den neuen Roman von Laura Kneidl, der mir bereits anhand einiger Tweets aufgefallen war, als Rezensionsexemplar zu bekommen.

Worum geht es im Roman?

Die Geschichte von „Water & Air“ ist in einer Zukunft der Erde angesiedelt, in der der Anstieg des Meeresspiegels dramatische Folgen gehabt hat, denn nur noch wenig der früheren Landmassen erhebt sich aus den Fluten, weshalb die Menschen seit einiger Zeit – es bleibt unklar, wie viel Zeit seit der Gründung der Kolonien vergangen ist – in gläsernen Kuppeln unter Wasser oder in der Luft leben, wobei jede Kolonie anders ist und ihren eigenen Regeln und Gesetzen folgt.

In Kenzies Wasserkolonie gibt es kein Geld, alle dienen dem Gemeinwohl – was für die Frauen die Geburt von Kindern, die Sorge um den Haushalt und niedere Tätigkeiten in der Landwirtschaft oder Fischerei bedeutet – oder sie werden verbannt. Vor diesem Schicksal steht auch Kenzie, was vermutlich ihren Tod bedeutet hätte, wenn es nicht das System der Repräsentativen geben würde, das dafür sorgt, dass zehn junge Männer und Frauen jährlich aus einer Kolonie in eine andere ziehen und dort einen vorbestimmten Partner heiraten müssen, um die genetische Vielfalt zu erhalten.

Kenzie kann sich als blinder Passagier in die Luftkolonie Quito flüchten, eine Kolonie, die mit etwa dreißigtausend Bewohnern auf drei Ebenen um einiges größer ist als ihr Zuhause und von einem demokratisch gewählten Rat regiert wird. Hier müssen die Menschen arbeiten, um Geld zu verdienen, wodurch es auch Arme und Reiche gibt.

Um die Ungerechtigkeiten beider Systeme geht es in „Water & Air“. Die Geschichte ist eine Mischung aus Dystopie, Detektiv- und Liebesgeschichte.

Die Hauptfiguren:

Kenzie ist 18 Jahre alt und eine Wassergeborene. Sie hat ein Geheimnis, wodurch sie sich schon früh von den anderen jungen Mädchen und Frauen ihrer Kolonie unterscheidet. Sie strebt nicht die traditionelle Rolle als Mutter und Ehefrau an, sondern würde am liebsten zu den Entdeckern, den Tauchern, gehören.

Noël ist Kenzies bester Freund. Er gehört zu den Entdeckern und treibt häufig mit ihr zusammen Unfug, wodurch er häufig Strafarbeiten bekommt.

Nilam ist Noëls Schwester und ebenfalls eine Wassergeborene, die jedoch seit acht Jahren auf ein Leben als Repräsentative in einer Luftkolonie vorbereitet wurde.

Callum ist ein Luftgeborener und Beauftragter für die Sicherheit der Luftkolonie Quito. Er gehört mit 18 Jahren bereits dem Rat an und ist für die Repräsentativen verantwortlich. Er versucht das Erbe seines Vaters, der diesen Job bis zu seinem Tod vor zwei Jahren ausgeübt hat, fortzusetzen. Die Menschen in der Kolonie stehen für ihn an erster Stelle.

Alaric ist der oberste Rat der Kolonie und sehr auf Reichtum und Sicherheit der Kolonie bedacht, wobei er jedoch definiert, wie diese Werte auszusehen und erreicht zu werden haben. Er ist ein Machtmensch und Politiker durch und durch.

Kalif ist ein etwa 20 Jahre alter Bewohner der Luftkolonie. Er ist Kenzie sofort sympathisch und versucht ihr bei ihrem neuen Leben zu helfen.

Gehört das Buch zu einer Reihe?

Nicht dass ich wüsste. Der Roman ist in sich abgeschlossen und liest sich wie ein Einzelband.

Wie liest sich das Buch?

Ich muss gestehen, eine Zeitlang kam mir das Buch gar nicht wie eine Dystopie, sondern mehr wie ein in der Zukunft der Erde angesiedelter Jugendroman vor. Das änderte sich jedoch mit der 2. Hälfte des Buches, als die Dystopie mit ihren typischen Elementen – ein machthungriger Diktator und ein menschenverachtendes und -unterdrückendes System, gegen das die Helden ankämpfen müssen und es zur Rebellion und Kämpfen um Leben und Tod kommt – in den Vordergrund trat. Ich hatte den Eindruck, dass sich ab diesem Zeitpunkt die Stimmung des Romans änderte. Mir schien dieser Teil nicht mehr ganz zur ersten Hälfte zu passen.

Ich fand den ersten Teil des Buchs spannend, wo es darum geht, die beiden unterschiedlichen Kolonien und die Figuren kennen zu lernen. Die Morde erhöhen die Spannung noch einmal, besonders durch einen emotionalen Bezug zu den Hauptfiguren. Hier ist man als Leser mitten drin in der Geschichte und besonders bei Kenzie, der Erzählfigur, dabei.

Im zweiten Teil nahm dieser emotionale Aspekt jedoch ab, die Rebellion gegen das System machte manches für mich etwas unpersönlich und die Stimmung in der Kolonie kippte auf einmal in Richtung Panik, Gewalt, ja sogar Hysterie ab. Ich als Leser bin jedoch irgendwann zwischen dem ersten Teil und dem Höhepunkt des zweiten Teils auf der Strecke geblieben. Schade, für mich kam die Veränderung hier zu schnell und war nicht immer logisch nachvollziehbar.

Was hat mir besonders gut an „Water & Air“ gefallen?

Ich mochte die Idee der unterschiedlichen Kolonien sehr. Auch das Gesellschaftssystem – oder die Systeme -, das ihnen zugrunde liegt, fand ich interessant und plausibel. Ich konnte mir gut vorstellen, dass die Menschheit irgendwann in Kolonien in der Luft oder im Wasser lebt, auch wenn ich den technischen Background … hm … teilweise nicht fortschrittlich genug fand. Manchmal hatte ich den Eindruck, die Entwicklung wäre auf dem heutigen Stand stehen geblieben, als hätte der katastrophale Anstieg der Meeresspiegel nicht Jahrzehnte gebraucht, sondern wäre in wenigen Jahren von jetzt an geschehen.

Ich mochte Kenzie als Protagonistin und hatte anfänglich noch die Hoffnung, dass die Autorin mutig wäre und die klassischen Pfade des Jugendromans verlassen würde, als ein Geheimnis angedeutet wird, das Kenzie unmöglich macht, dem Ideal der Frau in ihrer Kolonie zu entsprechen. Leider wurden meine Hoffnungen dann doch nicht erfüllt, auch wenn mit Kenzie und Noël zwei unangepasste, aber nicht offen rebellische Charaktere die Wasserkolonie bewohnen.

Was hat mir nicht gefallen?

Ich muss leider sagen, dass mir die Entwicklung in der 2. Hälfte nicht gefallen hat und mir vieles nicht ganz logisch erschien. Hier meine ich vor allem das Verhalten der Bevölkerung und des Bösen. Es war, als wäre plötzlich die Parole ausgegeben worden: „Ab jetzt spielen wir bitte eine hysterische Masse ohne gesunden Menschenverstand in einer Dystopie.“

Okay, das ist sehr überspitzt gesagt, aber es wurmte mich doch sehr, dass der „Böse“, der achtzehn Jahre lang die Stadt regiert und immer mehr Macht erlangt hatte, weil er die Bevölkerung einschätzen und manipulieren konnte, plötzlich zum selbstzerstörerischen, kurzsichtigen Diktator wurde, der die Kolonie und sein Herrschaftssystem innerhalb kürzester Zeit auf den Abgrund zusteuerte. Nee, das kaufe ich ihm nicht ab.

Und wer muss ihn natürlich aufhalten? Eine Gruppe von achtzehnjährigen Jugendlichen, die zusammen mit ihren Verbündeten als Einzige ihren gesunden Menschenverstand behalten haben. Es ist, als hätten die Figuren nur gewinnen können, indem der Gegner Schwäche zeigt, nicht indem sie selbst stärker werden und ihn mit seinen eigenen Mitteln schlagen. Ich finde so etwas in Romanen immer schade.

Denn damit nahm die Story leider eine Richtung an, die mir zu sehr in Richtung Jugendbuch-Klischee ging, wo die Jugendlichen wie selbstverständlich über den übermächtigen Despoten triumphieren. Das fing schon damit an, dass mit Callum ein Achtzehnjähriger so viel Macht und Verantwortung hat und einer von acht Ratsmitgliedern ist – aber möglicherweise könnte man das noch gut mit seinem Vater und der Unbeliebtheit des Jobs erklären können. Trotzdem erscheint es unrealistisch.

Vielleicht bin ich mit Ende 30 zu alt für diese Geschichte, vielleicht will die Zielgruppe genau das lesen, aber ich hatte mir einfach mehr erhofft, mehr Originalität im Handlungsverlauf, mehr Visionen bezüglich der Technik der Zukunft, mehr Abstufungen im Verhalten der Luftgeborenen, mehr … Logik. Denn wie kann es sein, dass am Ende die Bevölkerung innerhalb kürzester Zeit wieder in Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung verfällt, einen gesellschaftlichen Frieden erreicht, der angesichts der Hysterie und Gewalt zuvor in weite Ferne gerückt zu sein schien? Ich habe die negativen Auswirkungen, den Schock, etc. vermisst. So etwas Gewaltiges wie dieser Umsturz in der Gesellschaft muss Folgen haben und Spuren auf den Seelen der Bewohner hinterlassen. Davon merkt man jedoch nichts beziehungsweise ganz wenig. Lediglich bei Kenzie scheint es ein wenig durch.

Wie hat mir das Buch insgesamt gefallen?

Nach der tollen ersten Hälfte und dem zweiten Teil, der mir leider weniger gefallen hat, habe ich lange gebraucht, um zu einem Gesamteindruck zu kommen. Die Geschichte bietet tolle Ansätze, eine interessante Idee, sympathische Hauptfiguren, aber auf der anderen Seite auch Klischees und für die Handlung der Protas zu sehr optimierte Entwicklungen bei den Antagonisten und der Menschenmenge, die mir die Logik vermissen ließen. Schade.

Wenn ich daher eine Gesamtbewertung geben muss, kann ich aufgrund des schwächeren 2. Hälfte nur insgesamt 3 von 5 Büchern geben.

Wem würde ich „Water & Air“ empfehlen?

Für jugendliche Leser und junge Erwachsene, die Dystopien lieben und mit ihren Helden im Kampf gegen das Böse mitfiebern und sich mit ihnen verlieben wollen, ist der Roman sicher eine spannende Unterhaltung, wie auch die zahlreichen begeisterten Rezensionen zeigen. Anderen Lesern kann ich das Buch jedoch nur bedingt empfehlen.

Bewertung und weiterführende Empfehlungen:

Aufgeschlagenes Buch mit aufsteigenden Sternen

Aufgeschlagenes Buch mit aufsteigenden Sternen

Aufgeschlagenes Buch mit aufsteigenden SternenLaura Kneidl schreibt nicht nur Dystopien, sondern auch Urban Fantasy-Romane. Bereits von ihr erschienen sind der Einzelband „Light & Darkness“ und die Reihe „Elemente der Schattenwelt“.

Um Paranormale und den Dämon Dante geht es in „Light & Darkness“, denn die Protagonistin Light soll sich in der Öffentlichkeit um ihn kümmern und muss sich bald fragen, wen sie eigentlich vor wem schützen soll.

Um Jäger von unterschiedlichen übernatürlichen Wesen wie Vampiren, Geistern und Hexen drehen sich die Romane der „Elemente der Schattenwelt“-Reihe, in der in jedem Band eine andere Art der Jäger und neue Helden im Mittelpunkt stehen. Alle Romane sind für Leser ab 14 Jahren geeignet.

Wer sich für Dystopien interessiert, dem kann ich auch „Die Tribute von Panem“ oder die „Maze Runner“-Trilogie empfehlen. Von beiden Serien habe ich erst vor Kurzem den ersten Band gelesen und war begeistert.

Die Website von Laura Kneidl:

Mehr über die Jugendbuch-Autorin aus Erlangen Laura Kneidl und ihre Romane könnt ihr auf ihrer Website www.laura-kneidl.de erfahren.

Das Buch:

Buchcover zu "Water & Air" mit Meer und großer Blase in der Luft480 Seiten

Taschenbuch

März 2017

Carlsen Verlag

Preis: 12,99 € (D)

ISBN: 978-3-551-31544-1

 

Vielen Dank an den Carlsen Verlag für das Rezensionsexemplar!

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