Zen Cho „Die Magier Seiner Majestät“

Inhaltsangabe:

Buchcover mit Ketten, Stadt und VögelnEngland im 19. Jahrhundert: Als der 24-jährige schwarze Adoptivsohn von Sir Stephen, Zacharias Whyte, nach dessen Tod zu seinem Nachfolger als Königlicher Magier wird, kursieren bald hässliche Gerüchte über ihn. Als dazu auch noch Englands Magie nachlässt, bleibt Zacharias keine Wahl: Er muss zur Grenze des Feenlands reisen und herausfinden, was mit der Magie geschehen ist.

Als er auf dem Weg dorthin der jungen Prunella Gentleman, einer magisch begabten Waise unbekannter Herkunft, begegnet, die sich ihm unerwartet anschließt, ahnt wohl niemand, dass die beiden die magischen Geschicke Englands ändern werden.

Meine Meinung zu „Die Magier Seiner Majestät“:

Auf dieses Buch war ich sehr gespannt, denn der Klappentext verspricht eine interessante Mischung aus historischer Fantasy, Exotik, Magie und Romantik.

Worum geht es im Roman?

Zen Cho bietet mit ihrem Debütroman ungewöhnliche historische Fantasy in einem alternativen England des 19. Jahrhunderts. Während sie die Konventionen der Zeit übernimmt – was auch bedeutet, dass Frauen möglichst tugendhaft ihre magischen Fähigkeiten unterdrücken sollen, während nur Männer von Stand in die Königliche Sozietät Widernatürliche Philosophen aufgenommen werden können -, gibt es jedoch auch einige Änderungen und magische Elemente . Die Mitglieder der Sozietät nennen sich Thaumaturgen und haben nicht unbedingt auch magische Fähigkeiten, während der Titel „Magier“ jemand mit magischen Gaben und einem Vertrauten – einem intelligenten Wesen aus dem Feenreich – bezeichnet.

Die Autorin setzt sich mithilfe ihrer beiden Hauptfiguren Zacharias und Prunella mit den Konventionen dieser Gesellschaft auseinander, ohne sie jemals ganz zu verlassen. Erweckt der Klappentext fälschlicherweise noch den Eindruck, als würden wir hier eine große Romanze und leidenschaftliche Gefühle geboten bekommen, so wird die moderne Romantasyleserin womöglich enttäuscht sein, denn die Gefühle werden eher dezent angedeutet und sind dem Zeitgeist entsprechend zurückhaltend.

Auch die Geschichte selbst ist eine Mischung aus ungewöhnlich und traditionell. Eine frische Note bringt der schwarze Hauptcharakter ins Spiel, der noch als Sklave geboren wurde und gegen die Vorurteile der vornehmen Gentleman zu kämpfen hat. Das Feenreich, als ein Nachbar Englands, ist nur eins der exotischen Elemente des Romans: Wir erleben auch einen chinesischen Zauberer, eine Figur mit indischen Wurzeln und Hexen aus einer früheren Kolonie im Pazifik. Eine interessante Mischung.

Die Hauptfiguren:

Zacharias Whyte ist mit 24 Jahren möglicherweise noch recht jng für einen Königlichen Magier, wobei der Titel fälschlicherweise den Eindruck erweckt, er würde direkt dem König unterstehen. Das tut er nicht, überhaupt spielt der königliche Hof nur eine indirekte Rolle in der Geschichte. Er ist der Ziehsohn von Sir Stephen Whyte und Lady Maria Whyte und wurde von ihnen aufgezogen, um als erster Schwarzer ein Magier und sein Nachfolger zu werden. Dennoch ist sich Zacharias stets bewusst, dass er nicht recht dazugehört, was ihn zu einem sensiblen, zurückhaltenden und geheimniskrämerischen Charakter macht, der aus Höflichkeit verbale Attacken und andere Angriffe lange Zeit erduldet, ohne sich recht zu wehren.

Prunella Gentleman ist mit ihren 19 Jahren da um einiges energischer als Zacharias. Sie wurde von Mrs Miranda Daubeney in deren Schule für Hexen aus höheren Häusern – was bedeutet, dass man den Mädchen beibringt, ihre Kräfte schicklich zu unterdrücken – als Waise großgezogen und ist magischer „als es ihr gut tut“. Nach einem Zerwürfnis mit ihrer wankelmütigen Ziehmutter, beschließt sie, Zacharias einfach nach London zu begleiten und dort einen passenden Ehemann zu suchen. Doch auch ihre Familiengeheimnisse wollen aufgeklärt und Magie praktiziert werden.

Paget Damerell ist wie Zacharias ein Magier, auch wenn man es ihm die meiste Zeit nicht anmerkt. Er zieht ein Leben im Müßiggang der Anwesenheit in der Sozietät vor. Der Lebemann ist jedoch ein treuer Freund von Sir Stephen und seinem Sohn Zacharias.

Rollo, eigentlich Robert Henry Algemon, erinnert an einen goldfarbenen Cockerspaniel und ist mit seiner Art der Inbegriff eines jüngeren Sohnes. Er ist ein guter Freund von Damerell.

Geoffrey Midsomer ist ein Magier aus einer langen Tradition von Thaumaturgen. Er und seine Familie sind strikt gegen Zacharias und sehen auf alle herab, die in ihren Augen unter ihrem Stand sind.

Gehört das Buch zu einer Reihe?

Davon ist mir nichts bekannt. „Die Magier Seiner Majestät“ liest sich wie ein Einzelband.

Wie liest sich das Buch?

Debütautorin Zen Cho ist es gut gelungen, sich in die Zeit des 19. Jahrhunderts zu versetzen. Die Gesellschaft ist viktorianisch angehaucht, auch wenn es doch einige Unterschiede zum echten England der Zeit gibt. Was jedoch authentisch rüberkommt – mit allen Vor- und Nachteilen -, ist die Gesellschaft.

Erzählt wird die Geschichte abwechselnd aus der Sicht von Zacharias und Prunella, wobei sie jedoch nicht zu tief in die Beweggründe und Gefühle der Protagonisten eintaucht, auch der Erzählstil ist viktorianisch zurückhaltend. Viele Geheimnisse werden so erst zu gegebener Zeit enthüllt.

Für moderne Leserinnen und Leser ist es womöglich nicht so ganz einfach, sich in Zacharias und Prunella hineinzudenken. Prunella ist zwar forsch, aber dennoch in manchen Dingen doch noch den Konventionen ihrer Zeit verhaftet und daher keine moderne Heldin, wie wir sie kennen. Zacharias jedoch ist dermaßen zurückhaltend, ja, man kann ihn manchmal beinahe passiv nennen, dass ich mir beim Lesen oftmals seine Herkunft und Zeit in Erinnerung rufen musste. Nach mehreren Mordanschlägen auf sein Leben, versucht er lediglich der Gefahr durch eine Reise auszuweichen und braucht lange, bevor er versucht, herauszufinden, wer ihm ans Leder will.

Das viktorianische Element der Handlung sorgt dafür, dass die Spannung eine andere ist als in einem modern anmutenden Fantasyroman. Ich habe in einer Rezension gelesen, er wäre ruhig, doch das würde ich so nicht unterschreiben. Es herrscht eher eine untergründige Spannung – an der Oberfläche ruhig erscheinend, passiert im Verborgenen einiges, das erst langsam nach oben und in den Vordergrund kommt. Wer weniger auf laute Fantasy-Action steht, ist hier auf jeden Fall richtig.

Was hat mir besonders gut an „Die Magier Seiner Majestät“ gefallen?

Ich mochte Prunellas taffe Art, wie sie ihr eigenes Schicksal in die Hände nimmt – auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass sie größere Ambitionen gezeigt hätte, als „nur“ in London einen reichen Ehemann zu finden, der sie versorgt.

Die Idee mit den Vertrauten aus dem Feenreich fand ich interessant und hätte mir an der einen oder anderen Stelle jedoch mehr Tiefe und Hintergrundinfos gewünscht. Auch Mag Genggang von der Insel Janda Baik war eine exzentrische und damit spannende Figur und Hexe.

Was hat mir nicht gefallen?

Puh, schwierig. Ich hatte mir aufgrund des Klappentexts vermutlich etwas anderes vorgestellt. Auch wenn das Buch den Zeitgeist gut eingefangen hat, entspricht er doch nicht unbedingt den modernen Lesegewohnheiten, sodass ich mich teilweise mit dem zurückhaltenden Figuren etwas schwer tat, insbesondere mit Zacharias, der manchmal den Eindruck erweckte, ein kleines Weichei aus Höflichkeit zu sein, mit dem die anderen Figuren machen konnten, was sie wollten. Für einen Königlichen Magier besaß er mir zu wenig Durchsetzungsvermögen, zumal lange Zeit nicht klar war, wie er überhaupt an diese Position gelangt ist.

Obwohl ich einerseits die Andersartigkeit der Geschichte mochte, gelang es ihr jedoch nicht ganz, mich mitzureißen und die Distanz zu den Figuren beim Lesen, die immer wieder aufblitzte, tat ihr Übriges dazu, dass ich mich nie ganz auf die Handlung und die Figuren einlassen konnte. Was schade ist, denn ich fand es toll, dass Zacharias und Prunella nicht die typischen Fantasyhelden sind, sondern ihren Migrationshintergrund und die dazugehörigen Probleme mitbringen. Ich hätte mich daher gerne mit ihnen identifizieren wollen, konnte es aber nur zum Teil.

Die Liebesgeschichte, seufz. Hier passiert trotz der angeblichen Liebe auf den ersten Blick, die auf dem Klappentext fälschlicherweise angedeutet wird, lange Zeit recht wenig. Durch Prunellas Pragmatismus habe ich zudem ihre romantische Seite nicht wirklich sehen können, trotz aller respektablen Zurückhaltung, die sich für junge Frauen ihrer Zeit schickte. Und Zacharias war in seinen Gefühlen ähnlich leidenschaftslos. Eine Romantasy-Geschichte oder auch nur eine romantische Fantasygeschichte sieht anders aus.

Wie hat mir das Buch insgesamt gefallen?

Ich habe lange gegrübelt, denn die Stärken des Romans, seine Authentizität und seine originelle Exotik, sind zugleich auch seine Schwäche. Die Autorin Zen Cho liefert mit „Die Magier Seiner Majestät“ einen soliden und ungewöhnlichen Fantasyroman, den ich gerne gelesen habe, der mich persönlich aber wenig emotional berühren konnte, was ich sehr schade finde. Am Ende habe ich 3,5 Bücher von 5 gegeben, was ich wieder auf 4 aufrunde, da es in meinem System keine halben Punkte gibt.

Wem würde ich „Die Magier Seiner Majestät“ empfehlen?

Leser von historischer Fantasy, die sich für das 19. Jahrhundert begeistern, werden an diesem historischen Fantasyroman in einem alternativen England Gefallen finden. Die Stimmung der Zeit wurde gut eingefangen, soziale Missstände – Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und Ständen – dezent kritisiert und eine interessante Mischung aus exotischen und phantastischen Elementen zu einem insgesamt interessanten Fantasyroman gemixt, der sich jedoch von manchen anderen Romanen des Genres unterscheidet. Wer ungewöhnliche, andersartige Fantasy vor historischer Kulisse mag, wird an diesem Roman Gefallen finden.

Wer jedoch einen Romantasy-Roman sucht, dem würde ich von der Lektüre abraten.

Bewertung und weiterführende Empfehlungen:

Aufgeschlagenes Buch mit aufsteigenden Sternen

Aufgeschlagenes Buch mit aufsteigenden Sternen

Aufgeschlagenes Buch mit aufsteigenden SternenAufgeschlagenes Buch mit aufsteigenden Sternen„Die Magier Seiner Majestät“ ist der erste Roman aus der Feder der Londoner Autorin Zen Cho, daher kann ich keine weiteren Bücher von ihr empfehlen.

Historische Fantasy ist jedoch ein sehr interessantes Genre und eine Autorin, an die mich die Debütautorin stark erinnert hat, war Naomi Novik mit ihrer Reihe „Die Feuerreiter Seiner Majestät“ – vermutlich auch weil der Titel „Die Magier Seiner Majestät“ hier (bewusst?) ähnlich gestaltet war.

Naomi Noviks historische Fantasy um intelligente Drachen, die im Krieg Englands gegen Napoleon eine Rolle gespielt haben, hat mich jedoch um einiges mehr angesprochen. Das lag auch an den Charakteren, Kapitän Will Laurence und seinem sprechenden Drachen Temeraire, ihren teilweise philosophischen Diskussionen und tollen Schlachtenbeschreibungen, dass ich mehr mitgefiebert habe. Wenn ihr wissen wollt, wie diese außergewöhnliche Freundschaft ihren Anfang nahm und warum ihr die Reihe unbedingt lesen solltet, dann kann ich euch den ersten Band „Drachenbrut“ wärmstens empfehlen.

Die Website von Zen Cho:

Mehr über die gebürtige Malaysierin und Londoner Autorin Zen Cho und ihren Debütroman „Die Magier Seiner Majestät“ könnt ihr auf ihrer englischsprachigen Website erfahren: http://zencho.org/.

Das Buch:

Buchcover mit Ketten, Stadt und Vögeln448 Seiten

Taschenbuch

November 2016

Knaur Verlag

Preis: 9,99 € (D)

ISBN: 978-3-426-51914-1

Originaltitel: „Sorcerer To The Crown“

Deutsche Übersetzung: Julia Becker

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